Schwanenseh
Eines Sommers saß ich einst, in tiefer Betrachtung des abendlichen Meeres versunken, am Ostseestrande. Friedliche Wellen schwappten sanft heran, auf den Buhnen ruhten nun schweigend schon die Möwen, die letzten zwei Sommerfrischler lustwandelten eben noch durch die Dämmerstunde, ein Paar umschlang sich eng irgendwo hoch oben in den Dünen und drei schläfrige Fischkutter, an Land gezogen, streckten tiefe Sandfurchen Ihrer See zu.
Plötzlich trat ein Schwan heran, gemächlich und herrschaftlich schritt er die Gestade entlang und wog wohl ab, ob er seinen Po dem großen Wasser angedeihen lassen sollte. Er blieb ein Weilchen stehen und betrachtete wie ich die milde, in sich ruhende See. Dann, sehr langsam, drehte er sich um, musterte mich kurz, wünschte einen schönen Abend und ging den Strand hinan von dannen.
Herbstküste
Günter
Sixties Garage
Eines Wintermorgens auf der Krugkoppelbrücke
As idle as a painted ship upon a painted ocean.
Zipang (oder l’adieu de la haute cuisine française oder Frogs, this seems to be your next Waterloo… and Trafalgar)
Sacré bleu, der großnationalen hohen Küche Frankreichs scheint der Frosch im Halse stecken zu bleiben! Sie sieht rot, da ihre eigene gastronomische Bibel, der frevlerische Guide Michelin, heuer Tokio mehr Dreisternerestaurants als dem altvorderen Gourmet-Olymp an der Seine bescheinigt hat.
Die Tester des Reifengiganten, deren rotklappriger Führer gerade mal vor drei Jahren zum ersten Mal für Tokio herausgegeben ward, haben sich diesen Schritt hoffentlich reiflich und lange überlegt, sind in einen Bunker gezogen und fahren mit gepanzerten Limousinen und bis an les dents bewaffneten Bodyguards jeden Tag eine andere Strecke ins Hochsicherheitstraktbüro. Einer Nation wie Frankreich und Gastronomen wie den französischen sagt man nicht ohne Angstschweiß in der Pantalon und ohne Muffe auf Grundeis, dass sie nicht mehr die Besten sind.
Mein lukullischer Lieblingsplatz war von jeher auf und an einem Möbelstück in einem Etablissement französischer Kochkunst, verdammt noch mal, selbst wenn es nur Käse und Wein geben würde, wer könnte ihnen das Evian reichen? Auf den nächsten fünf Plätzen meiner persönlichen Gastro-Top-Ten liegen aber schon asiatische Küchennationen und die japanische hat nicht erst seit dem Besuch im Zipang, um endlich die Butter bei die Fische zu tun, den Coqs, Canards, Boefs, Coquilles St Jacques, Cuisses de Grenouille, Escargots, Foies Gras ganz gehörig Sake übers Chemisett geschüttet. Allein die künstlerisch hochwertige Drapierung der Speisen müsste alle Designnobelpreisoscars bekommen, wie auch den großen Danksagungs- und Ehrenpreis für das Lebenswerk der Schieferplattenhersteller.
Das einzig Negative vorweg, die Auswahl des Standortes am etwas unflotten Ende des Eppendorfer Weges kommt mir so verwegen und ein wenig deplaciert vor, als wenn ich eine Currywurstpapptellerbude in Harvestehude aufmachen wollte. Darob scheint es auch nur zur Mittagstischzeit etwas lebendiger zu sein, was unendlich schade ist und mir ein sehr böses Omen orakelt. Nicht ohne Grund lautet das britische oberste Businessgebot „Bums on seats“.
Usui –san, der Patron, hieß uns auf charmantester japanischer Weise in seinem kleinen und typisch minimalistischen Restaurant willkommen und kredenzte alsbald ein sechsgängiges Überraschungsmenü, das auf meiner „Pannenstatistik“ ganz nach oben schnellte, will heißen, ich habe selten einen Restaurantbesuch erlebt, bei dem mir alles pläsierte. Und das einzige, das meinem unglaublich verwöhnten Gaumen hier nicht ganz so enthusiasmierte, war der marinierte Lachs, der natürlich ob seiner Mariniertheit nicht so tau- bzw. fangfrisch goutierte, wie man es sonst in Hamburg gewohnt ist. Allerdings ist der Lachs wie ein Jack Russell Terrier, der kann so einiges vertragen. Ein zartbesaiteter Fisch hätte da schnell zum japanischen Edelfechteisen gegriffen und sich geschmackloserweise auf der Stelle exekutiert.
Da ich bereits als Kind behauptete, ich könne mich gut von Speiseeis allein ernähren, strahlten meine Augen wie eine Taschenlampe auf Speed, als ich zum Zwischengang ein Sorbet serviert bekam, das aus der japanischen Petersilie hergestellt war und leicht waldmeisterhaft schmeckte. Es war jedoch nicht von banaler geschmeidiger, adhäsiver Natur sondern bestand aus lockeren, sich nicht miteinander vermengenden Eisflocken, wie man sie auf den Wischerblättern seines gerade frisch frei gekratzten, wintrigen Automobils vorfindet.
Das Dessert gestaltete sich als eine, die meisten modernen Kunstwerke in den Schatten stellende, Wasabieiskugel in einer aus Zucker gefertigten, stilistischen Blume auf Schiefer. Hier gesellte sich ein großes Hallo zu uns, denn das Eis schmeckte vorne wie ein süßes Sahneeis und knallte uns hinten alle Sicherungen raus.
Das Matsumi thront sicher und fest als Tenno in der Innenstadt und in Eimsbüttel ist nun der Bug meiner kulinarischen Karavelle endlich nach langer Irrfahrt an den Strand geschubbert, an den Strand eines goldenes Landes. So hatte Marco Polo Japan im 13. Jahrhundert auf chinesisch benannt – Zipang. Hier werde ich mit der größten Vorfreude wieder festmachen, und das bei Weitem nicht nur, weil die Kellnerin so süß ist. Adieu oder zumindest à bientôt Haute Cuisine, moshi moshi la novelle cuisine japonaise!
Nachsatz mit Nachdruck: Kinners, geht da hin, aber lasst mir einen Tisch übrig!
Zipang, Eppendorfer Weg 171, 20253 Hamburg, 040-432 800 32, www.zipang.de








