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Drei Männer auf Bummelfahrt (für Hamburg2Go)

March 21, 2014

(nicht zu verwechseln mit Jerome K. Jeromes wundervollem Buch von 1900 – wenn Sie das hier lesen, merken Sie ohnedies, dass man es nicht verwechseln kann… leider)

Der von zu Hause aus sehr vornehme, gemeine Hamburghanseat hat gern die Heimatstadt im Herzen, während er die Welt umspannt. Aber er hat auch noch den altvorderen Nabel der Welt im Herzen – was anatomisch gesehen ein Fall für das Uniklinikum Eppendorf wäre – nämlich London und auch alles Englische.

Man trägt mit Vorliebe englisch sartoriale Erzeugnisse, die gut sitzen. Sitzt gern im englischen Roadster oder im Anglo-German Club, trinkt Tee und plauscht über der Queen Geburtstagsparade. Oder paradiert über das vom Regen aufgeweichte Grasareal des Hamburger Polo Clubs am heiligen English Flair-Wochenende im Sommer (9. und 10. August 2014, wir werden berichten). Hamburg sieht sich obendrein gern als 34. Stadtbezirk Londons und all das kulminiert in hiesiger Maxime und Lebenseinstellung: Wenn es in London regnet, spannt der Hamburger seinen Schirm auf.

Es gibt noch eine wichtige Gemeinsamkeit. Sobald in der berühmten – aber auch wirklich weit überschätzten – ewigen Wolkendecke Englands und Hamburgs ein Loch in der Größe einer Pfundmünze klafft, wird von den meteorologisch sehr wachsamen Gastronomen in Windeseile jeder Fleck Bürgersteig mit allerlei Gestühl, Sitzkissen, Decken und Heizpilzen aufmöbliert, denn den Engländer und Hamburger zieht es dann an die frische Luft und es wird ihn nichts aufhalten können. Es gibt daher auch keine Städte in Europa, die mehr Cabrio-Zulassungen haben, als die an Themse und Alster.

Und jetzt – da Sie sich längst gefragt haben, ob all der vorangegangene Schmus nicht falsch betituliert ist – gehts los. Der Herausgeber dieses Stadtmagazins, von seinen Kollaborateuren gern Mr Frank genannt, wurde seitens der Firma Tesla mit einem sehr schmucken Tesla Model S ausstaffiert. Dieses herrliche Gefährt, über das Mr Frank auf anderer Seite berichtet, ist Stammhalter moderner, sportlich schnittiger “Hatchbacks” wie Maserati Quattroporte, Porsche Panamera oder Aston Martin Rapide S. Er wird aber überraschenderweise von einem sehr rasanten Elektromotor beflügelt, der natürlich so leise ist, dass beim gemütlichen Dahingleiten die Fagottpianissimi im ersten Satz von Tschaikowskis Pathétique allesamt zu hören wären.

Nun, dies ist kein Autoartikel, das kann Mr Frank besser, sie werden von mir nichts hören über Beschleunigungsparagraph, Drehmomentvergütung, Kardanwellenbeleuchtung oder Leerlaufschmiernippel. Der Grund dafür: Ich habe keine Ahnung und will sie auch nicht haben. Ich möchte Ihnen vielmehr vom Automobil als Kulturobjekt oder besser davon berichten, wie das Ka-Eff-Zett die Lebenskultur steigern kann.

Uns ward also letzten Sonntag gutes Wetter beschert. Es gab ein Wolkenloch, so groß wie alle Pfundmünzen in der Bank of England, und die Sonne schien aufs Vorzüglichste. Mr Frank, Mr Mikel, seines Zeichens Kämpe aller elektrischen Mobilität, sowie Ihr Schreiber dieser Zeilen inthronisierten den stark-e-motorisierten Tesla, um entlang der B75 zur Ostsee zu kommen. Die beiden Herren wollten den Wagen und seine Alltagstauglichkeit einem grundsoliden und erschöpfenden Test unterziehen. Ich wiederum – wollte an die See.

Die B75 zwischen Hamburg und der Baltischen führte uns wunderbar am Ahrensburger Schloss und am sehr pittoresk gelegenen Gut Blumendorf vorbei und wir erreichten das Seebad Scharbeutz, unser Ziel, zur sehr ausgelassenen Begeisterung der Anwohner und Märzsommerfrischler. Alle Augen waren auf uns gerichtet, Fotoapparate und Mobiltelefone wurden gezückt, Blitzlichter durchfluteten die Seebrise, Kinder zeigten freudig auf uns, Frauen lächelten uns zu, selbst Männer sahen uns wie animalisch angezogen an. Natürlich nicht uns. Unseren Tesla.

Wir trafen Freunde, saßen und aßen im Wintergarten eines italienischen Restaurants mit Blick auf die verträumt stille See, defilierten entlang der sehr angenehmen Strandpromenade, verweilten bei Kaffee und Wein im Pavillon des Café Wichtig, begutachteten das in ein paar Wochen öffnende Bayside Hotel und fuhren zu fünft nach Timmendorfer Strand. Wir hielten dorten kurz am Rathaus, um uns von unseren Freunden zu verabschieden und den Tesla erneut von den ihn unverzüglich umringenden Passanten mannigfach ablichten zu lassen.

Anschließend begaben wir uns in die opulent betürmte, schöne Hanse- und Marzipanstadt Lübeck, um an den Media Docks – die leider nicht wie die altiranischen Hafenanlagen aussahen, wie ich sie mir auf meinem Rücksitz ausgemalt hatte – den nagelneuen Tesla vor alten Kränen und Hafengebäuden und einem exquisiten halbroten und halbwolkendurchwirkten Abendhimmel zu fotografieren.

Auf der Fahrt über die Autobahn gen heimatlicher Hansestadt wurden wir von einer hypnotisch durch blattlose Bäume scheinenden, strahlend roter Sonne begleitet, die, als wir den Fischmarkt für einen letzten Fotostopp erreichten, längst untergegangen war, aber als ein himmlischer Abglanz in Blaurotrosa nachhallte. Zu guter letzt kam gerade noch rechtzeitig das staunenswerte, 366 Meter lange Containerschiff COSCO Faith in den Vorhafen von Steinwerder, um einen Blick auf den Tesla zu erhaschen.

Sie fand ihn gut. So wie wir. Dank ihm und dem Wetter war es eine famose Ausfahrt ins Blaue.

How much is this in real money?

May 29, 2010

In meiner vorangegangenen Auftragsschmähschrift mit dem Titel “God save America” für einen Fremdblog habe ich erwähnt, dass ich über eine kleine Sammlung von… äh, Amerikanismen verfüge, die ich, da die Tastatur nun schon einmal vorgeglüht ist und wichtigere Aufgaben mit Leichtigkeit verschoben werden können, sonst vergessen könnte. Und, da ich naiv bin frage ich, kann man denn Amerikaner hassen, wenn sie so … so skurril sind? Ihr Terroristen und Amerikahasser, lacht doch einmal herzlich über sie, das täte Euch, glaube ich, generell mal ganz gut. Immerhin ist Uncle Sam wie ein peinlicher Onkel, den fast jede Familie hat. Und letzteres weiß ich genau, ich bin er meiner Familie.

In einer englischen Zeitung wurde über eine kommende Gemeinschaftsproduktion der BBC mit einem führenden US-Fernsehsender berichtet. Man wollte Charlotte Brontës Jane Eyre fürs Fernsehen aufnehmen, aber ein wichtiger Produzent aus Amerika stellte in einem Schreiben an die BBC fest, dass seine Landsleute die Schriftstellerin und ihr Werk kaum kannten und sie sich doch besser vorab auf eine Lesereise durch die USA begeben möge.

Der britische Film “The Madness Of King George” (zu deutsch “Ein Königreich für mehr Verstand” – es wird Zeit, dass ich auch mal über den regierenden Schwachsinn der deutschen Filmtitelübersetzer schreibe!), mit dem grandiosen Sir Nigel Hawthorne und der stets königlichen Dame Helen Mirren, sollte ursprünglich und historisch korrekt wie das Bühnenstück, auf dem er basierte,  “The Madness Of King George III” heißen. Nach Screentests in den USA ließ man die “III” jedoch fallen, weil amerikanische Kinogänger den Film nicht gerne sehen würden, bevor sie Teil I und II gesehen hätten.

Ein guter Freund, in dessen Haus in Englands Cotswolds ich eine Weile lebte, war Limousinenfahrer, der vornehmlich reiche Amerikaner am Flugplatz in Heathrow abholte und durch Old England fuhr. Bei einer Tour durch das pittoreske Cornwall, ich glaube, es war das verwinkelte hutzelige Fischerdorf Mevagissey, in dem es nur schmale Gässchen gab, durch die noch nicht mal ein Kabeljau quer durchpassen würde, regte sich die doch recht rotunde Amerikanerin im Fond auf, warum man die Straßen denn nicht verbreitern könnte, das sei doch so rückschrittlich. Sie wollte meinem Freund nicht glauben, dass die Menschen hier eigentlich sehr glücklich sind, dass sie keinen Freeway haben.

Ein anderer Amerikaner wurde von ihm durch das recht alte und schmucke Windsor gefahren, das vom Heathrower Fliegerhafen nur ein Gepäckwurf entfernt liegt. Sie hielten alsbald im Royal Park und hatten einen wahrlich vortrefflichen Blick zurück auf Windsor Castle, der Queen Wochenendhäuschen. Nun ließ sich nicht vermeiden, dass Flugzeuge hie und da durch die majestätische Vista eilten, und plötzlich hörte mein Freund, wie sein Fahrgast sich zu echauffieren anhub. Er fragte, ob denn alles in Ordnung sei, worauf er zu hören bekam: “Wie kann man nur so verfickt bescheuert sein, solch eine schöne Burg in der Nähe eines Airports zu bauen? (Dies hat sich wahrhaftig so zugetragen, ich flunker’ nicht!)

Dann hatte ich von einem Kurator der Victory, Lord Nelsons Flaggschiff bei der Schlacht von Trafalgar, gehört, dass eine Amerikanerin beim Anblick eines alten, in einer Nische der Kapitänskajüte verborgenen Bakelitfernsprechers fragte, ob der schon zu Nelsons Zeiten hier stand. Hat er gar mit seinem Maschinenraum damit telefoniert?

Meine Lieblingsanekdote jedoch ist gar keine: In einem Bundesstaat der USA ist es dem Manne verboten, beim Sex mit einer Frau eine Schusswaffe ein- oder mehrmals abzufeuern. Ich finde es ist Zeit, dass alle anderen Staaten und alle Staaten der Welt dieses Gesetz übernehmen. Meine Musketenkugelrechnung wird mir nämlich langsam zu hoch und selbst Haubitzen sind dann verboten.

God Save America

May 29, 2010

I was once asked to write an article for a blog regarding a heated discussion about “Are Americans stupid or aren’t they?”:

The problem with stereotyping is that it is never valid for a whole nation, townsfolk or ethnic group but it does fit its majority rather snugly. So not all Englishmen are polite, have a great sense of humour and are wearing an umbrella, not all Frenchmen are rude or are dedicated to le joie de vivre and are carrying a flûte de baguette under their collective arm, not all Germans are … whatever they are and definitively not all Americans are rude, obnoxious, loud, fat and stupid. But some really are.

I experienced an American woman being extremely … let’s say overenthusiastic towards a barman in England, because she ordered a soda and he brought – what the ignorant English as well as the other nasty Europeans call a soda – a carbonated water.

Another American traveller whilst wearing a stetson was shouting for some time at a more and more intimidated looking receptionist in Germany: “Why don’t you people have the same (computer) keyboards as we have?” An American friend of mine who was standing next to me just rolled his eyes with disgust, walked over to his countryman and said: “Stop making a scene for god’s sake. By the way computers were invented in Germany!” He got a very big and grateful smile from the receptionist for that.

A very good friend of mine from Germany once lived for some time as an au pair in the south of the US. The lady of the house once took her for a shopping spree to the next and obviously well-to-do small town where most parking spaces were littered by BMWs, Mercedes and Porsches. Madam then asked my friend: “Do you have cars like these in Germany?”

I have actually plenty of similar anecdotes about our dear friends from across the water. However it must be said, all tourists can be quite annoying, ask the French about the Germans, the Spanish about the British, ask everyone about Japanese travel groups or nouveaux-riches Russians but there really is no tourist like the American tourist. They from time to time can be even extremely nice and easy going and charmingly excited by everything they see in Ye Olde Worlde but mostly they are typically American.

Hurst Castle, Hampshire, England

February 27, 2010

Aus dem englischen Tagebuch

Die Kiesstrandlandzunge, die Hurst Castle bei Milford-on-Sea trägt, zeigt wie ein krummer Finger auf die Insel Wight. Diese jedoch ist nur eine Meile weiter zu sehen, muss mir also nicht gezeigt werden. Als ich das erste Mal hier war, konnte ich die Burg ob des Regens nicht entdecken, heute aber ist die Sicht ungetrübt, es ist heiss und die Luft duftet nach sonnenbestrahlenen Kieseln.

Am Ende der Landzunge steht neben einem weissen Leuchtturm das Castle, ein zuerst unordentlich wirkender Haufen grauen Steins. Je weiter ich mich über den Kies mühe, – ein trotz der Anstrengung zu empfehlender Hinweg, zurück kann man die Fähre nach Keyhaven nehmen – wurde aus dem Haufen ein Stapel aus Steinen und dann ein Gemäuer. Ich ging rechts, auf der Meeresseite an der Burg vorbei bis zur Kuppe des krummen Landfingers. Hurst sieht wie ein faszinierend schauriger Bunker aus. Eine lange Wand aus Beton wohin man sieht, mit breiten Nischen versehen. Jede Nische ist mit einer stark verrosteten, eisernen dicken Platte versehen, ca. zwei Meter hoch und breit. Die zentrale Öffnung für die Geschützmündungen ist mit Ziegelsteinen zugemauert oder noch mit ebenfalls verrosteten Eisentüren verdeckt. Das Fort scheint verlassen, vereinsamt, verwahrlost. Kein Mensch ist hier zu sehen.

In der Mitte liegt die runde, alte Wehrburg, Bestandteil der Küstenschutzanlagen König Heinrichs VIII, welche zur Abwehr der stetig befürchteten französischen Invasion an Englands Südküste errichtet waren. Links und rechts davon, der krummen Landzunge gemäss geformt, erstrecken sich gewaltige, in viktorianischer Zeit hinzugefügte Seitenflügel, jene Betonwände mit Eisennischen. Ich umrunde sie, und stolpere nun fast über halb im Erdboden verschwindende Geleise, die auf ein Zugbrückentor zulaufen. Auf diesen wurde dereinst Munition in Loren zu drei externen Geschützstellungen gekarrt, die sich hinter einer Erdanhäufung unter die schattigen Fittiche des Ostflügels ducken und von denen nur noch verrostete Schrauben im Betonfundament sowie kurze Schienenbögen, zum traversen Ausrichten der Kanonen, zu sehen sind.

Die massigen und massiven Seitenflügel beherbergen uralte Kanonenkolosse in Kasematten, die zu schwerfällig zu bedienen, sprich wiederzuladen waren, um mehr als nur einmal auf die neue dampfbetriebene Schiffsgeneration abgefeuert zu werden. Darum benötigte man zusätzliche Schnellfeuergeschütze, installiert unter anderem auf eben jenen drei Stellungen ausserhalb der Festung, die im Jahre 1893 errichtet wurden.

Die militärisch durchaus aktive Geschichte Hurst Castles reicht von 1544 bis 1956, als man entschied, dass Britannien keiner Küstenverteidigung dieser Form mehr bedarf. Hursts blosse Existenz sollte über 400 Jahre lang Feinde nicht nur abschrecken, sondern auch zusammen mit der gegenüber auf der Wight-Seite liegenden Gun Battery tatkräftig davon abhalten, in den Solent, der Sund zwischen der Isle of Wight und dem englischen “Festland”, einzudringen, in der die wichtigen und verletzlichen Städte Southampton und Portsmouth liegen, mit all ihrer industriellen oder Seekriegsbedeutung. Die ganze mehr oder weniger (früher oder später) veraltete Festungsbewaffnung wurde auch während beider Weltkriege bemannt und betrieben. Im letzten Weltkriege hatte Hurst die Aufgabe, die hier engste Passage des Solent gegen deutsche Schiffe und auch Flugzeuge zu verteidigen, sowie U-Boote auszumachen. Selbst die grossen antiken Kanonen, die ob ihrer theatralischen Monstrosität wirken wie lange vor ihnen ausgestorbene Mammute, kamen wieder zum Einsatz.

Abgesehen von eben diesen Geschützen, sollte man sich auf jeden Fall das Festungstheater ansehen, ein winziger Raum mit Sitzreihen und einer Bühne mit bemalter Rückwand. Dies ist vielleicht ob seiner liebenswürdigen Einfachheit das schönste Theater, das ich je gesehen habe, ganz bestimmt ist es aber das kleinste.

Heute sind nur noch wenige Leute im alten Fort stationiert. Unter anderem ein alter Mann mit Buckelrücken, der mit einem Eimer in der Hand durch die Festungsflure schlurft, sowie ein Herr der „English Heritage“, Besitzerin Hurst Castles, der Eintrittskarten, Bücher und Prospekte verkauft.

Mit der “Solent Rose” setze ich nach Keyhaven über. Gestützt auf die Bordwand stehe ich im Heck und schaue zurück auf die allmählich hinter Segelbooten verschwindende Burg, die wieder zum Steinstapel, dann zu einem unordentlich wirkenden Haufen wird. Ich döse in der Julisonne …

… Im Schutze der Dunkelheit überquert ein Konvoi von vier Kriegsschiffen von Le Havre kommend den Ärmelkanal in Richtung Isle of Wight: Die Zerstörer der Nibelungenklasse  “Götterdämmerung”, “Rheingold” und “Silberblick”, sowie der schwere Kreuzer der Seekuhklasse “Ei der Daus”. Ihr Auftrag, wie ein strammes deutsches Glied in den Solent einzudringen und Schiffe im Hafen Southamptons zu „coventrieren“. Von der Luftaufklärung weiß man, dass die Tommys, ausser ein paar Flakstellungen, nur eine Handvoll veralteter und lächerlicher Verteidigungsanlagen besitzen, um Southampton zu schützen. Man fühlt sich überlegen, sicher, arisch und nähert sich rasch den weissen Klippen der Insel Wight.

Den Mannen des vorausfahrenden Zerstörers “Rheingold” fährt plötzlich ein gehöriger Schrecken in die Knochen, denn man hört ein lautes metallisches Ratschen an dem unter Wasser liegenden Teil der Schiffswand. Alles hält den Atem an. Ist es eine Wassermine? Dem Führer sei Dank, man hat nur das Periskop des getauchten deutschen U-Boots der Hühnerhabichtklasse “Knurrhahn” überfahren, das den Kanal entlang patrouilliert. Der Kapitän der “Rheingold”, Fregattenkapitän Ludwig Oberskirchenmöser fummelt mit säuerlichen Gesichtsausdruck am Kragen seines Marinechemisetts und brüllt barsch in die Stille der dunklen Kommandobrücke: “Spinnerte Deppen die, sollens doch woanderslang patrouillieren, narrische Sardinen die!”

Funkoffizier Walter Vergissmeinnich kommt nun über die Schwelle hereingestolpert. In seiner, vom vielen Morsen zuckenden Hand die gerade von allen vier Schiffen gleichzeitig empfangene Depesche ADdAKW CCXCI/1 der Admiralität, Kommando West. Kapitän Oberskirchenmöser wirft einen gestrengen Blick darauf und verliest den Inhalt: “Schwarzbraun ist die Haselnuss”. Er wendet sich nun an seinen Ersten, Kapitänsleutnant Hein-Olaf Fischbrät und begibt sich mit ihm in das Kartenhaus. Dort steht der Panzerschrank mit dem Dechiffrierbuch, zu dessen zwei Schlössern beide den jeweiligen Schlüssel besitzen.
Der decodierte Text lautet: “Horch, was kommt von draussen rein, hollahie, hollaho!” Dies endlich ist der erwartete Marschbefehl. Der Kapitän bläst in das Sprachrohr zum Maschinenraum und befiehlt: “Volle Kraft voraus!”, und zum Obermaat August Äppelwoi, dem diensttuenden Steuermann hin: “Kurs Nordnordost, 15 Grad!”

Der stolze Bug des stolzen Schiffes durchpflügt die Wellen wie ein germanischer Wurfspeer die Luft. Die Mannschaft steht mit eiserner Gespanntheit an der Reling, in den stahlblauen Augen blitzt Heldentum, Vaterlandsliebe, Vorfreude und ewige Treue dem Führer. Die Bordwache mustert durch Ferngläser die Küste der Insel Wight. Vor ihnen liegen die schroffen Kreidefelsen und der Leuchtturm der Needles. Eine gute Stunde später würden sie Southampton erreichen und den dort liegenden Frachtern den Garaus machen.

“Alle Mann auf Gefechtsstation” wird nun im Flüsterton herumgegeben, dem eine erneute verschlüsselte Depesche ADdAKW CCXCI/2 “Ja, ja, ja, Weihnachten, Weihnachten steht vor der Tür” vorausgegangen war. Stahlhelme werden aufgesetzt und die Geschütze bemannt. An der Feindesküste scheint alles zu schlafen. Der Morgen dämmert, als Kurs auf Nordost genommen wird, 44 Grad. Man hat die Needles umrundet und fährt in den Solent ein. Die letzte Kursänderung, der stolze Bug der stolzen “Rheingold” dreht sich nach Osten. Ferngläser werden auf 12 Uhr geschwenkt, nach vorn, auf die Einfahrt in den Sund. Doch Himmel und Vaterland, was ist das?

Eine gewaltige dräuende Festung liegt langgestreckt auf einer, tief in den Solent reichenden krummen Landzunge. Dort erstrahlen nun Suchscheinwerfer, die auf die vier deutschen Kriegsschiffe gerichtet werden, Leuchtraketen schweben gen Himmel und schon erblickt und hört man verschiedenstes massives Mündungsfeuer. Eine volle Breitseite fliegt ihnen um die arischen Ohren. Der Zerstörer “Silberblick” hinter der “Rheingold” wird schwer getroffen und sinkt.
Kapitän Oberskirchenmöser schreit: “Volle Kraft zurück!” Die “Rheingold” fährt nun mit hoher Geschwindigkeit rückwärts auf die zwei noch unversehrten, in Kiellinie gruppierten Konvoischiffe zu, die die Lage noch nicht begriffen haben. Alles geht drunter und drüber. Der Kreuzer “Ei der Daus” weicht aus, rammt die “Götterdämmerung” und läuft kurz darauf auf eine Sandbank. Die “Götterdämmerung” legt sich ob der Kollision auf die Steuerbordseite. Alle Matrosen können sich an den nahen Strand retten, wo sie im Handumdrehen festgenommen werden. Sie werden sogleich nach Blackpool zwangsverfrachtet, wo sie sich mit emsigen Bingospielen im dortigen Kriegsgefangenenlager die Zeit bis zum Endsieg vertreiben müssen.

Zurück zum Kriegsschauplatz, denn eine weitere Breitseite fegt nun durch die Meeresluft und trifft die Aufbauten der fliehenden “Rheingold”. Ein zweiter Treffer bleibt ihr jedoch erspart, da sie sich, unter dem geistesgegenwärtigen Kommando ihres Kapitäns hinter die Needles gerettet hat und hier Kurs auf Le Havre aufnimmt.

Der stolze Bug der stolzen “Rheingold” durchpflügt die Wellen wie ein germanischer Wurfspeer. Doch dann, ein lautes metallisches Ratschen ist an dem unter Wasser liegenden Teil der Schiffswand zu hören: “Damische Deppen die, nun laufens uns wieder vor die Füß!”…

Baumwall, für Mostro

February 24, 2010

Ich verbürge mich für die Authenzität des nachfolgenden Berichts, ich habe es selbst miterlebt!

„Verfluchte Mistbrühe!“ schrie Skagen Skagarak über das Deck. Er ging, mit seinem Holzbein wütende Stakkati auf das Eichenholz klopfend, zum Bugsteven, um dem dort hilflos in den dichten Nebel stierenden Ausguck und Loter zu Hilfe zu kommen. „Hamburch müsste doch längst auszumachen sein!“ Die schnittige Schaluppe tastete sich durch Schwaden um Schwaden nachtdunklen, dicht dampfenden Dunstes. Hie und da stachen Spiere und Rigg heraus und gaben ein gar schauriges Bild ab.

Einem am Ufer biwakierenden Hausierer wurde dies gewahr; er weckte seinen Lehrling mit einem Stoss und hauchte: „Da! Die Joeksche Deern! Das ist der Schreckliche Skagen Skagarak und seine Friedlosen Fluss-Filibuster. Die haben es wieder auf die armen Teufel in Hamburch abgesehen! Wenn alles schläft, kommen die die Elbe entlang, fahren in den Binnenhafen, rauben Waren von den Schiffen dort. Oft schon haben sie ganze Schiffe als Prise erbeutet, ja auch gesamte an Bord schlafende Mannschaften verschleppt und später als Sklaven und Leibeigene verkauft!“

„Beim Klabautermann, verdammter Mess, das gibt es doch nicht, in dem Schietwrasen ist nichts zu sehen!“ schrie Skagen Skagarak in die Nacht hinaus. Er verkrallte seine gesunde Hand um den Steven, während er den am anderen Arm befestigten Eisenhaken ins Tauwerk hängte. Er lehnte sich weit über die Bordwand, als könne er so besser sehen.

Plötzlich war dumpfes Dröhnen zu hören, die Joeksche Deern prallte mit exorbitantem Erzittern auf ein Hindernis. Skagen Skagarak wurde erst newtonschen Gesetzen folgend über Bord gerissen, um dann, da er noch im Tauwerk wie an Hosenträgern verhakt war, wieder zurück mit gekonnt aussehendem Salto an Deck geschleudert zu werden, wo er kopfüber in einer Salzheringstonne stecken blieb und seine ungewaschenen Unterbuchsen manifestierte.

Kurz darauf pfiffen Musketengeschosse durch die Takelage, die die Segel durchlöcherten und Aufbauten zersplitterten. Die Joeksche Deern wurde nun von der handfesten Hamburger Binnenhafenwache geentert, Skagaraks Mannen ohne viel Aufhebens festgenommen und er selbst in seinem Fass abtransportiert.

Für eine Woche standen die Friedlosen Fluss-Filibuster in Eisen geschlagen am vor einigen Tagen erst fertig gestellten Baumwall, der zum Schutze des Binnenhafens errichtet worden war und der ihn des Nachts unpassierbar machen sollte. Der Schreckliche Skagen Skagarak wurde jedoch, zum allseitigen Amüsement, in seinem peinlichen, aber verdienten Zustande im Fass ausgestellt, und die Hamburger Bevölkerung zeigte mit Fingern auf ihn, lachte ihn aus oder spuckte ihn an. Die Joeksche Deern letztendlich wurde zu Zahnstochern und Harken für Katzenklos zerschreddert.

So endete die Zeit der Schockschwerenot unter dem Schrecklichen Skagen Skagarak und seiner Friedlosen Fluss-Filibuster auf der Elbe.

Inselglück, für Liesl

February 23, 2010

Jeder hat sein Inselglück. Ich weilte vor Jahren mit einem Freund in seines Vaters Nordseeinselhaus in Norwegen. Zum Ende einer durchzechten Nacht entschieden wir uns, nicht wie Waschlappen oder Landratten schlafen zu gehen, sondern mit dem obligatorischen, aber schwachmotorisierten Metallboot, mit dem man zu Nachbars Insel zum Einkaufen schippert, rauszufahren, um zu fischen. Denn wir waren Männer, mittelschwer angesäuselt noch dazu.

Draußen war es noch dunkel und wir legten mit großem Ahoi ab. Ein wenig später sind wir wohl eingeschlafen, an Schnapsflaschen und Bordwände geklammert und behaglich wie ein Neugeborenes gewiegt. Irgendwann wachte einer auf, es war hell, aber eigentlich auch wieder nicht. Eine höllisch dicke Nebelwolke umgab uns…

Von dem Schrecken plötzlich ausgenüchtert, kommandierte mein Freund, der ja ein echter Wikinger war, das Ruder und steuerte uns in Richtung Insel zurück. Zumindestens dachte er das. Irgendwann am späten Vormittag lichtete sich der Nebel. Und siehe da, man sah nichts. Weit und breit ein Nichts! Selbst vorsichtig in der schaukelnden und offenen und sich im eiseskalten Meere verlierenden Nussschale aufgestanden, es war kein Land zu sehen!

Nun wussten wir nicht, in welche Richtung wir abgetrieben waren, vielleicht waren wir schon auf halbem Wege zum nächstbesten Mahlstrom oder nach Spitsbergen oder zum Nordpol oder, noch schlimmer, in die teuflische Barentsee, was geografisch natürlich unlogisch war, es wären eher die Orkneys oder Island gewesen. Also hätte ich mich nicht darüber aufregen müssen, dass wir keine Eisbärenflinte dabei hatten.

Der Wikinger, obwohl ich daran anfing zu zweifeln, dass er einer wäre – nur weil er Norweger ist, muss er noch lange kein seekundiger Wikinger sein. Wo war ich?, ach ja, der Wikinger (hah, lachhaft!) lenkte den Dünnblechnachen in eine Richtung, in der, er war sich ganz sicher, Land liegen müsste. Woher er diese findige Idee bekam? Vom Laufe der Wellen und der Strömung will er die bekommen haben. Wo ist die Küstenwache, wenn man sie mal braucht?

Zur Mittagszeit nun gewahrten wir kleine, hauchzarte Striche am Horizont. Sofort halsten wir und hielten auf sie zu. Warum, weiß ich nicht, es hätte die Antennenanlage eines Schlachtschiffes auf Kriegsfahrt sein können, das uns aus Spaß zur Probe seiner Feuerkraft mit leeren Cola- und Schmalzfleischdosen versenken würde. Aber der Landrattenwikinger proklamierte laut, während er sich ebenso schallend vor die skandinavische Stirn schlug, die Striche seien die Masten von Fischkuttern, die in die Hafenstadt fuhren, von der aus wir einst ins Inselreich per Fähre aufgebrochen waren.

Nach Stunden auf offener, unendlicher, windbetoster See glaube ich alles, warum gibt es sonst soviel Seemannsgarn? Also fuhren wir schnurstracks, wie ein Waffenoffizier seine Torpedolaufbahn berechnend, auf die Stelle zu, an der wir das Hafenkaff vermuteten.

Nach weiteren, schwer schaukelnden Stunden, sahen wir endlich Land. Wir fühlten uns wie einer, dem der Arzt eine fatale Krankheit vordiagnostizierte und nur noch ein paar Wochen versprechen konnte, jedoch die Krankenakte vertauscht hatte. Wir waren scheißglücklich!  Nun, zum zweiten Male nach dem Schrecken,  besannen wir uns unserer Schnapsflaschen, die im Boot herumkullerten. Urerst hatten wir sie auskippen wollen, um sie als SOS-Flaschenpöste abzuschicken. Wir entschieden uns letztendlich dagegen, weil uns bitterkalt war und noch kälter hätte werden können und ihr Inhalt uns Heizung hätte sein können. Außerdem, mit tiefster Trostlosigkeit gesprochen, hätten sie uns zu unserem Niedergang hin betäuben können, per Alkoholrausch und Schlag über den Kopf. Nun tranken wir sie mit gierigen Schlücken aus und prosteten uns, gewiss unserer Rettung, zu.

Wir gingen endlich an Land, schleppten das tapfere Schiff weit auf den Strand und uns  in ein kleines Nest, das natürlich ziemlich weit von unserer Insel bzw. vom Hafenfährflecken entfernt war. Ein Bauer, der gerade aus dem Mittagsschlaf aufgewacht war, fuhr uns zur nächsten Bushaltestelle, während er teils erschüttert unserer Geschichte lauschte, teils, ob unserer klar detektierbaren Alkoholfahne, ungläubig. Warum befindet sich die Bushaltestelle eigentlich nicht im Dorf selbst, sondern mitten in der Walachei bzw. an einer Kreuzung in der Walachei? Ein Bus brachte uns zum Fährhafen, die letzte Fähre auf das Inselarchipel und ein geliehener Kahn auf unsere Insel zurück.

Es war mittlerweile Abend geworden. Zeit, sich zu betrinken und dann ins, später von Alpträumen geschüttelte, Bett zu sinken. Spät am nächsten Tag sagte der Wikinger, wir müssten nun das geborgte Boot returnieren und unsere wackere Motorschaluppe vom Strand in Nirgendwo abholen. Dummerweise haben wir während der paar Tage meines restlichen Urlaubs nie herausgefunden, wo genau wir eigentlich an Land gegangen sind und wo unsere getreue Edelstahlhochseejolle unserer Wiederkunft harrte.

Gefangen haben wir natürlich nichts, außer einer Mordserkältung.

Buttercup

February 23, 2010

Portland Pony und Butterblumen, Isle of Portland, Dorset, England, ein Hochsommer in den Neunzigern

Die ganze Insel wollte ich umrunden, die für ihren edlen schneeweißen Portlandstein bekannt ist, der unter anderem das UNO-Gebäude in New York umhüllt und dessen Staub auf des Eilands Straßen festgebacken ist, sowie für ihre gefährlichen Sandbänke und zahlreichen Schiffsunglücke berüchtigt ist. Außerdem scheint der natürliche Feind der Menschen hier das gemeine Kaninchen zu sein, vor dem sie ein unheimliches Muffensausen haben.

Dann saß ich da in der brütenden Mittagssonne, um zu verschnaufen. Dabei ist kein besonders erwähnenswertes Foto herausgekommen, nur ein albernes, sentimentales Memento und ein Gruß an das Pferd.