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Inselglück, für Liesl

February 23, 2010

Jeder hat sein Inselglück. Ich weilte vor Jahren mit einem Freund in seines Vaters Nordseeinselhaus in Norwegen. Zum Ende einer durchzechten Nacht entschieden wir uns, nicht wie Waschlappen oder Landratten schlafen zu gehen, sondern mit dem obligatorischen, aber schwachmotorisierten Metallboot, mit dem man zu Nachbars Insel zum Einkaufen schippert, rauszufahren, um zu fischen. Denn wir waren Männer, mittelschwer angesäuselt noch dazu.

Draußen war es noch dunkel und wir legten mit großem Ahoi ab. Ein wenig später sind wir wohl eingeschlafen, an Schnapsflaschen und Bordwände geklammert und behaglich wie ein Neugeborenes gewiegt. Irgendwann wachte einer auf, es war hell, aber eigentlich auch wieder nicht. Eine höllisch dicke Nebelwolke umgab uns…

Von dem Schrecken plötzlich ausgenüchtert, kommandierte mein Freund, der ja ein echter Wikinger war, das Ruder und steuerte uns in Richtung Insel zurück. Zumindestens dachte er das. Irgendwann am späten Vormittag lichtete sich der Nebel. Und siehe da, man sah nichts. Weit und breit ein Nichts! Selbst vorsichtig in der schaukelnden und offenen und sich im eiseskalten Meere verlierenden Nussschale aufgestanden, es war kein Land zu sehen!

Nun wussten wir nicht, in welche Richtung wir abgetrieben waren, vielleicht waren wir schon auf halbem Wege zum nächstbesten Mahlstrom oder nach Spitsbergen oder zum Nordpol oder, noch schlimmer, in die teuflische Barentsee, was geografisch natürlich unlogisch war, es wären eher die Orkneys oder Island gewesen. Also hätte ich mich nicht darüber aufregen müssen, dass wir keine Eisbärenflinte dabei hatten.

Der Wikinger, obwohl ich daran anfing zu zweifeln, dass er einer wäre – nur weil er Norweger ist, muss er noch lange kein seekundiger Wikinger sein. Wo war ich?, ach ja, der Wikinger (hah, lachhaft!) lenkte den Dünnblechnachen in eine Richtung, in der, er war sich ganz sicher, Land liegen müsste. Woher er diese findige Idee bekam? Vom Laufe der Wellen und der Strömung will er die bekommen haben. Wo ist die Küstenwache, wenn man sie mal braucht?

Zur Mittagszeit nun gewahrten wir kleine, hauchzarte Striche am Horizont. Sofort halsten wir und hielten auf sie zu. Warum, weiß ich nicht, es hätte die Antennenanlage eines Schlachtschiffes auf Kriegsfahrt sein können, das uns aus Spaß zur Probe seiner Feuerkraft mit leeren Cola- und Schmalzfleischdosen versenken würde. Aber der Landrattenwikinger proklamierte laut, während er sich ebenso schallend vor die skandinavische Stirn schlug, die Striche seien die Masten von Fischkuttern, die in die Hafenstadt fuhren, von der aus wir einst ins Inselreich per Fähre aufgebrochen waren.

Nach Stunden auf offener, unendlicher, windbetoster See glaube ich alles, warum gibt es sonst soviel Seemannsgarn? Also fuhren wir schnurstracks, wie ein Waffenoffizier seine Torpedolaufbahn berechnend, auf die Stelle zu, an der wir das Hafenkaff vermuteten.

Nach weiteren, schwer schaukelnden Stunden, sahen wir endlich Land. Wir fühlten uns wie einer, dem der Arzt eine fatale Krankheit vordiagnostizierte und nur noch ein paar Wochen versprechen konnte, jedoch die Krankenakte vertauscht hatte. Wir waren scheißglücklich!  Nun, zum zweiten Male nach dem Schrecken,  besannen wir uns unserer Schnapsflaschen, die im Boot herumkullerten. Urerst hatten wir sie auskippen wollen, um sie als SOS-Flaschenpöste abzuschicken. Wir entschieden uns letztendlich dagegen, weil uns bitterkalt war und noch kälter hätte werden können und ihr Inhalt uns Heizung hätte sein können. Außerdem, mit tiefster Trostlosigkeit gesprochen, hätten sie uns zu unserem Niedergang hin betäuben können, per Alkoholrausch und Schlag über den Kopf. Nun tranken wir sie mit gierigen Schlücken aus und prosteten uns, gewiss unserer Rettung, zu.

Wir gingen endlich an Land, schleppten das tapfere Schiff weit auf den Strand und uns  in ein kleines Nest, das natürlich ziemlich weit von unserer Insel bzw. vom Hafenfährflecken entfernt war. Ein Bauer, der gerade aus dem Mittagsschlaf aufgewacht war, fuhr uns zur nächsten Bushaltestelle, während er teils erschüttert unserer Geschichte lauschte, teils, ob unserer klar detektierbaren Alkoholfahne, ungläubig. Warum befindet sich die Bushaltestelle eigentlich nicht im Dorf selbst, sondern mitten in der Walachei bzw. an einer Kreuzung in der Walachei? Ein Bus brachte uns zum Fährhafen, die letzte Fähre auf das Inselarchipel und ein geliehener Kahn auf unsere Insel zurück.

Es war mittlerweile Abend geworden. Zeit, sich zu betrinken und dann ins, später von Alpträumen geschüttelte, Bett zu sinken. Spät am nächsten Tag sagte der Wikinger, wir müssten nun das geborgte Boot returnieren und unsere wackere Motorschaluppe vom Strand in Nirgendwo abholen. Dummerweise haben wir während der paar Tage meines restlichen Urlaubs nie herausgefunden, wo genau wir eigentlich an Land gegangen sind und wo unsere getreue Edelstahlhochseejolle unserer Wiederkunft harrte.

Gefangen haben wir natürlich nichts, außer einer Mordserkältung.

6 Comments leave one →
  1. February 23, 2010 12:55

    Danke für die Flaschenpost. Ich fühle mich höchstgeehrt (um auch das entsprechende “ö” unterzubringen).

  2. ottogang permalink
    February 23, 2010 13:09

    War eigentlich der Nebel auf dem Wasser oder in euren Köpfen ?
    Egal, Hauptsache die Ente findet ein gutes, sonst wäre die Geschichte hier nie geschrieben worden.

  3. FrauMüller permalink
    February 23, 2010 21:19

    hallo Dirk,

    lautlachkreisch…vergnügtgrins…
    wunderschön geschrieben und ich kann gar nicht genug bekommen….
    ….wann veröffentlichst Du das Buch Kurzgeschichten ??

    Fröhlichherzliche Grüsse aus dem Schwabenland
    von der HamburgHeimweh-Elke

  4. February 24, 2010 09:34

    Lieber Ottogang, natürlich haben wir uns das in der ersten Minute auch gefragt, aber er war leider wirklich da.

    Müllerchen und Liesl, vielen Dank.

    Und ich möchte eine Sache klarstellen, auch wenn die Anekdote unter der Kategorie “Seemannsgarn” zu finden ist, ist sie leider verdammt wahr!

  5. hotzenplotz permalink
    February 24, 2010 20:48

    Besoffen vor Glück.
    Das klingt nach Steinbeck oder Hemingway.

    • February 24, 2010 22:48

      Na na, so hoch wollen wir nicht greifen, eher wie Eva Herman und … und wie jemand anderes, der seine dringend benötigte Biografie unters Volk gebracht hat. Vielen Dank und ich freue mich, dass Du im Trific einen schönen Abend hattest, wie ich lesen konnte.

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