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Hurst Castle, Hampshire, England

February 27, 2010

Aus dem englischen Tagebuch

Die Kiesstrandlandzunge, die Hurst Castle bei Milford-on-Sea trägt, zeigt wie ein krummer Finger auf die Insel Wight. Diese jedoch ist nur eine Meile weiter zu sehen, muss mir also nicht gezeigt werden. Als ich das erste Mal hier war, konnte ich die Burg ob des Regens nicht entdecken, heute aber ist die Sicht ungetrübt, es ist heiss und die Luft duftet nach sonnenbestrahlenen Kieseln.

Am Ende der Landzunge steht neben einem weissen Leuchtturm das Castle, ein zuerst unordentlich wirkender Haufen grauen Steins. Je weiter ich mich über den Kies mühe, – ein trotz der Anstrengung zu empfehlender Hinweg, zurück kann man die Fähre nach Keyhaven nehmen – wurde aus dem Haufen ein Stapel aus Steinen und dann ein Gemäuer. Ich ging rechts, auf der Meeresseite an der Burg vorbei bis zur Kuppe des krummen Landfingers. Hurst sieht wie ein faszinierend schauriger Bunker aus. Eine lange Wand aus Beton wohin man sieht, mit breiten Nischen versehen. Jede Nische ist mit einer stark verrosteten, eisernen dicken Platte versehen, ca. zwei Meter hoch und breit. Die zentrale Öffnung für die Geschützmündungen ist mit Ziegelsteinen zugemauert oder noch mit ebenfalls verrosteten Eisentüren verdeckt. Das Fort scheint verlassen, vereinsamt, verwahrlost. Kein Mensch ist hier zu sehen.

In der Mitte liegt die runde, alte Wehrburg, Bestandteil der Küstenschutzanlagen König Heinrichs VIII, welche zur Abwehr der stetig befürchteten französischen Invasion an Englands Südküste errichtet waren. Links und rechts davon, der krummen Landzunge gemäss geformt, erstrecken sich gewaltige, in viktorianischer Zeit hinzugefügte Seitenflügel, jene Betonwände mit Eisennischen. Ich umrunde sie, und stolpere nun fast über halb im Erdboden verschwindende Geleise, die auf ein Zugbrückentor zulaufen. Auf diesen wurde dereinst Munition in Loren zu drei externen Geschützstellungen gekarrt, die sich hinter einer Erdanhäufung unter die schattigen Fittiche des Ostflügels ducken und von denen nur noch verrostete Schrauben im Betonfundament sowie kurze Schienenbögen, zum traversen Ausrichten der Kanonen, zu sehen sind.

Die massigen und massiven Seitenflügel beherbergen uralte Kanonenkolosse in Kasematten, die zu schwerfällig zu bedienen, sprich wiederzuladen waren, um mehr als nur einmal auf die neue dampfbetriebene Schiffsgeneration abgefeuert zu werden. Darum benötigte man zusätzliche Schnellfeuergeschütze, installiert unter anderem auf eben jenen drei Stellungen ausserhalb der Festung, die im Jahre 1893 errichtet wurden.

Die militärisch durchaus aktive Geschichte Hurst Castles reicht von 1544 bis 1956, als man entschied, dass Britannien keiner Küstenverteidigung dieser Form mehr bedarf. Hursts blosse Existenz sollte über 400 Jahre lang Feinde nicht nur abschrecken, sondern auch zusammen mit der gegenüber auf der Wight-Seite liegenden Gun Battery tatkräftig davon abhalten, in den Solent, der Sund zwischen der Isle of Wight und dem englischen “Festland”, einzudringen, in der die wichtigen und verletzlichen Städte Southampton und Portsmouth liegen, mit all ihrer industriellen oder Seekriegsbedeutung. Die ganze mehr oder weniger (früher oder später) veraltete Festungsbewaffnung wurde auch während beider Weltkriege bemannt und betrieben. Im letzten Weltkriege hatte Hurst die Aufgabe, die hier engste Passage des Solent gegen deutsche Schiffe und auch Flugzeuge zu verteidigen, sowie U-Boote auszumachen. Selbst die grossen antiken Kanonen, die ob ihrer theatralischen Monstrosität wirken wie lange vor ihnen ausgestorbene Mammute, kamen wieder zum Einsatz.

Abgesehen von eben diesen Geschützen, sollte man sich auf jeden Fall das Festungstheater ansehen, ein winziger Raum mit Sitzreihen und einer Bühne mit bemalter Rückwand. Dies ist vielleicht ob seiner liebenswürdigen Einfachheit das schönste Theater, das ich je gesehen habe, ganz bestimmt ist es aber das kleinste.

Heute sind nur noch wenige Leute im alten Fort stationiert. Unter anderem ein alter Mann mit Buckelrücken, der mit einem Eimer in der Hand durch die Festungsflure schlurft, sowie ein Herr der „English Heritage“, Besitzerin Hurst Castles, der Eintrittskarten, Bücher und Prospekte verkauft.

Mit der “Solent Rose” setze ich nach Keyhaven über. Gestützt auf die Bordwand stehe ich im Heck und schaue zurück auf die allmählich hinter Segelbooten verschwindende Burg, die wieder zum Steinstapel, dann zu einem unordentlich wirkenden Haufen wird. Ich döse in der Julisonne …

… Im Schutze der Dunkelheit überquert ein Konvoi von vier Kriegsschiffen von Le Havre kommend den Ärmelkanal in Richtung Isle of Wight: Die Zerstörer der Nibelungenklasse  “Götterdämmerung”, “Rheingold” und “Silberblick”, sowie der schwere Kreuzer der Seekuhklasse “Ei der Daus”. Ihr Auftrag, wie ein strammes deutsches Glied in den Solent einzudringen und Schiffe im Hafen Southamptons zu „coventrieren“. Von der Luftaufklärung weiß man, dass die Tommys, ausser ein paar Flakstellungen, nur eine Handvoll veralteter und lächerlicher Verteidigungsanlagen besitzen, um Southampton zu schützen. Man fühlt sich überlegen, sicher, arisch und nähert sich rasch den weissen Klippen der Insel Wight.

Den Mannen des vorausfahrenden Zerstörers “Rheingold” fährt plötzlich ein gehöriger Schrecken in die Knochen, denn man hört ein lautes metallisches Ratschen an dem unter Wasser liegenden Teil der Schiffswand. Alles hält den Atem an. Ist es eine Wassermine? Dem Führer sei Dank, man hat nur das Periskop des getauchten deutschen U-Boots der Hühnerhabichtklasse “Knurrhahn” überfahren, das den Kanal entlang patrouilliert. Der Kapitän der “Rheingold”, Fregattenkapitän Ludwig Oberskirchenmöser fummelt mit säuerlichen Gesichtsausdruck am Kragen seines Marinechemisetts und brüllt barsch in die Stille der dunklen Kommandobrücke: “Spinnerte Deppen die, sollens doch woanderslang patrouillieren, narrische Sardinen die!”

Funkoffizier Walter Vergissmeinnich kommt nun über die Schwelle hereingestolpert. In seiner, vom vielen Morsen zuckenden Hand die gerade von allen vier Schiffen gleichzeitig empfangene Depesche ADdAKW CCXCI/1 der Admiralität, Kommando West. Kapitän Oberskirchenmöser wirft einen gestrengen Blick darauf und verliest den Inhalt: “Schwarzbraun ist die Haselnuss”. Er wendet sich nun an seinen Ersten, Kapitänsleutnant Hein-Olaf Fischbrät und begibt sich mit ihm in das Kartenhaus. Dort steht der Panzerschrank mit dem Dechiffrierbuch, zu dessen zwei Schlössern beide den jeweiligen Schlüssel besitzen.
Der decodierte Text lautet: “Horch, was kommt von draussen rein, hollahie, hollaho!” Dies endlich ist der erwartete Marschbefehl. Der Kapitän bläst in das Sprachrohr zum Maschinenraum und befiehlt: “Volle Kraft voraus!”, und zum Obermaat August Äppelwoi, dem diensttuenden Steuermann hin: “Kurs Nordnordost, 15 Grad!”

Der stolze Bug des stolzen Schiffes durchpflügt die Wellen wie ein germanischer Wurfspeer die Luft. Die Mannschaft steht mit eiserner Gespanntheit an der Reling, in den stahlblauen Augen blitzt Heldentum, Vaterlandsliebe, Vorfreude und ewige Treue dem Führer. Die Bordwache mustert durch Ferngläser die Küste der Insel Wight. Vor ihnen liegen die schroffen Kreidefelsen und der Leuchtturm der Needles. Eine gute Stunde später würden sie Southampton erreichen und den dort liegenden Frachtern den Garaus machen.

“Alle Mann auf Gefechtsstation” wird nun im Flüsterton herumgegeben, dem eine erneute verschlüsselte Depesche ADdAKW CCXCI/2 “Ja, ja, ja, Weihnachten, Weihnachten steht vor der Tür” vorausgegangen war. Stahlhelme werden aufgesetzt und die Geschütze bemannt. An der Feindesküste scheint alles zu schlafen. Der Morgen dämmert, als Kurs auf Nordost genommen wird, 44 Grad. Man hat die Needles umrundet und fährt in den Solent ein. Die letzte Kursänderung, der stolze Bug der stolzen “Rheingold” dreht sich nach Osten. Ferngläser werden auf 12 Uhr geschwenkt, nach vorn, auf die Einfahrt in den Sund. Doch Himmel und Vaterland, was ist das?

Eine gewaltige dräuende Festung liegt langgestreckt auf einer, tief in den Solent reichenden krummen Landzunge. Dort erstrahlen nun Suchscheinwerfer, die auf die vier deutschen Kriegsschiffe gerichtet werden, Leuchtraketen schweben gen Himmel und schon erblickt und hört man verschiedenstes massives Mündungsfeuer. Eine volle Breitseite fliegt ihnen um die arischen Ohren. Der Zerstörer “Silberblick” hinter der “Rheingold” wird schwer getroffen und sinkt.
Kapitän Oberskirchenmöser schreit: “Volle Kraft zurück!” Die “Rheingold” fährt nun mit hoher Geschwindigkeit rückwärts auf die zwei noch unversehrten, in Kiellinie gruppierten Konvoischiffe zu, die die Lage noch nicht begriffen haben. Alles geht drunter und drüber. Der Kreuzer “Ei der Daus” weicht aus, rammt die “Götterdämmerung” und läuft kurz darauf auf eine Sandbank. Die “Götterdämmerung” legt sich ob der Kollision auf die Steuerbordseite. Alle Matrosen können sich an den nahen Strand retten, wo sie im Handumdrehen festgenommen werden. Sie werden sogleich nach Blackpool zwangsverfrachtet, wo sie sich mit emsigen Bingospielen im dortigen Kriegsgefangenenlager die Zeit bis zum Endsieg vertreiben müssen.

Zurück zum Kriegsschauplatz, denn eine weitere Breitseite fegt nun durch die Meeresluft und trifft die Aufbauten der fliehenden “Rheingold”. Ein zweiter Treffer bleibt ihr jedoch erspart, da sie sich, unter dem geistesgegenwärtigen Kommando ihres Kapitäns hinter die Needles gerettet hat und hier Kurs auf Le Havre aufnimmt.

Der stolze Bug der stolzen “Rheingold” durchpflügt die Wellen wie ein germanischer Wurfspeer. Doch dann, ein lautes metallisches Ratschen ist an dem unter Wasser liegenden Teil der Schiffswand zu hören: “Damische Deppen die, nun laufens uns wieder vor die Füß!”…

2 Comments leave one →
  1. April 3, 2010 18:15

    Hach, wat schön, dein Seemannsgarn…

  2. richensa permalink
    May 24, 2010 09:47

    Jetzt kannst du aber auch mal neues spinnen, Seemannsgarn, Herr Badbury…..

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